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Arbeitnehmerkultur versus Kultur der Selbständigkeit

Die Deutschen leben in einer Arbeitnehmerkultur! Welches andere Industrieland lebt nicht in einer Arbeitnehmerkultur, möchte man fragen. Schließlich ist es normal, Arbeitnehmer in einem Unternehmen zu sein. Doch darum geht es nicht. Vielmehr geht es um eine spezifische Geisteshaltung, die es in den Aufbaujahren nach dem Krieg kaum gegeben und die in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr an Kraft gewonnen hat. In einer Arbeitnehmerkultur vertrauen die Menschen darauf, daß die sie beschäftigenden Unternehmen oder wenigstens der Staat es schon richten werden. Der Mut zu Eigeninitiative und Risiko wird schon in jungen Jahren durch den Traum vom Bausparvertrag und von einer gesicherten Rente ersetzt. In einer Kultur der Selbständigkeit dagegen haben viele junge Leute ein starkes Interesse daran, ein eigenes Unternehmen zu gründen oder ein eigenes Geschäft zu eröffnen, auch wenn das mühsam und riskant ist. Wer selbständig wird, setzt sich nicht ins gemachte Nest. Dafür bietet Selbständigkeit viel eher als ein Angestellten-Verhältnis die Chance, eigene Träume zu verwirklichen. Junge Deutsche bewundern Entrepreneure wie Bill Gates und seinesgleichen, die es aus einem Garagenunternehmen ganz nach oben geschafft haben. Doch während Amerikaner die Karriere vom Tellerwäscher zum Millionär nach wie vor als eine reale Möglichkeit sehen, halten Deutsche dies weitgehend für undenkbar. Dabei gibt es auch in unserem Land beispielhafte Unternehmensgründungen wie die von SAP. Doch es könnte mehr solcher vielversprechenden Aufbrüche geben, wenn nur der Mut dazu vorhanden wäre. Es ist sicherlich eine Aufgabe der Eltern, ihren Kindern diesen Mut zu machen. Doch neben den Eltern kommt es auch auf die Schule und die Hochschule an. Hier liegt doch manches im argen. Das Bildungswesen muß dem einzelnen stärker als bisher die Selbständigkeit als attraktive Lebensperspektive aufzeigen und muß darüber hinaus das notwendige Rüstzeug vermitteln. In Schulbüchern kommen Unternehmer kaum vor. Das Wissen darüber, wie der Schritt in die Selbständigkeit aussehen kann, wird dort kaum vermittelt. Statt dessen vermitteln Schulen und Universitäten häufig das Bild einer abgesicherten Existenz mit geregelten Arbeitszeiten als Lebensziel. Lehrer sprechen lieber über soziale Sicherheit als über soziale Marktwirtschaft. Wenn wirtschaftliche Zusammenhänge in der Schule nicht vermittelt werden, darf man sich nicht wundern, daß ein Großteil des Volkes vor der Globalisierung Angst hat und den Wettbewerb fürchtet. Statt dessen träumt weit mehr als die Hälfte der deutschen Schüler und Studenten von einem Leben im öffentlichen Dienst. Eine wahre Lawine hatte deshalb der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl losgetreten, als er zu mehr Selbständigkeit, Unternehmungsgeist und Veranwortungsbereitschaft aufrief und eine "neue Kultur der Selbständigkeit" forderte. Damals sprießen Business-Plan-Wettbewerbe wie Pilze aus dem Boden, liefen Telefon-Hotlines und Internet-Leitungen heiß, wurden Ideenpreise ausgelobt und Gründungsoffensiven gestartet. Ministerien, Universitäten, Stiftungen, Unternehmen und Medien - sie alle schwammen auf der Gründerwelle mit, von der heute in Deutschland nichts mehr zu spüren ist. Tatsächlich wurden nach dem Fall der Mauer zunächst die neuen Bundesländer von einer Aufbruchstimmung ergriffen. Von 1989 bis 1996 hat sich dort die Zahl der Selbständigen fast verdreifacht. Dies lag auch an der systematischen Verdrängung von selbständigen Unternehmern in der DDR-Zeit. Die Dynamik des Gründungsgeschehens im Osten ist verflogen. Aus einer Gründerwelle wurde eine Schließungswelle, die dazu führte, daß teilweise mehr Betriebe in den neuen Ländern geschlossen als gegründet werden.


Selbständigenquote

Mit einer Selbständigenquote von 9 % ist Deutschland eher das Schlußlicht als der fortschrittliche Spitzenreiter in Europa. Wenn nur der OECD-Durchschnitt erreicht werden sollte, müßte sich der Anteil der Selbständigen und mithelfenden Familienangehörigen an allen zivilen Erwerbstätigen in Deutschland von 9 auf 11,4 % erhöhen. Es ist daher fraglich, ob sich die Deutschen überhaupt aus ihrem unternehmerischen Dornröschenschlaf wecken lassen. Viele ziehen die Lohnsteuerkarte der Arbeit auf eigene Rechnung vor, sehen die Selbständigkeit nur als Übergangslösung bis zum Erhalt eines Normalarbeitsplatzes und führen lieber Abteilungen, als sich mit einer Hand voll Gleichgesinnter eine Marktnische zu erobern. Wer mit einer guten Idee scheitert, darf nicht länger als Versager stigmatisiert werden, sondern sollte eine zweite Chance erhalten. In einer freitheitlichen Wirtschaftsordnung sollte der Irrtum zum Anlaß genommen werden, daraus etwas zu lernen.


Gewerbeanmeldung / Gründungsbilanz

Die Probleme der Existenzgründer haben sich in den letzten zehn Jahren grundlegend verändert. Nach Angaben der Deutschen Ausgleichsbank (heute KfW-Mittelstandsbank) klagten junge Unternehmen in den neuen Bundesländern 1993 insbesondere über Kostensteigerungen im Personalbereich sowie über Engpässe an brauchbaren Gewerberäumen. Jetzt im neuen Jahrtausend sind es der scharfe Wettbewerb und die schlechte Zahlungsmoral, welche den jungen Unternehmern im Magen liegen. Daneben werden zu niedrige Preise und immer noch hohe Personalkosten beklagt. Dennoch ist es in Deutschland relativ unkompliziert ein Unternehmen zu gründen. Eine schlichte Gewerbeanmeldung bei der Stadtverwaltung genügt in den meisten Fällen. Und obwohl die Existenzgründung in der Politik seltener als in den neunziger Jahren angesprochen wird, bieten Bund, Länder und Kommunen viele Förderungsprogramme. Trotzdem weist die jährlich vom Institut für Mittelstandsforschung in Bonn errechnete Gründungsbilanz stetig sinkende Zahlen aus. 1995 erreichte die Bilanz mit 452 000 Gründungen im Westen und 76 000 im Osten ihren Höchststand. Doch der Boom ist vorbei. Im internationalen Vergleich landete Deutschland bei einer Analyse im Rahmen des Global Entepreneurship Monitor nur auf Platz 22. Das ist ein wichtiges Ergebnis dieser Studie zum Gründungsgeschehen, an der sich insgesamt 21 Länder beteiligten. Die Schwachpunkte der Existenzgründung liegen hierzulande keineswegs bei den staatlichen Förderungsprogrammen, die in Deutschland so hoch kultiviert sind, wie in keinem anderen Land der Welt. Als Gründungsbarrieren werden insbesondere soziale und kulturelle Normen genannt. Das gesellschaftliche Ansehen von Jungunternehmern ist gering. Die Angst sitzt tief, bei einem Scheitern soziales Ansehen zu verspielen. Hinzu kommt Unsicherheit, sich die Gründung und die Leitung einer Firma zuzutrauen. Unternehmerisches Denken will gelernt sein, doch in deutschen Hochschulen und Schulen fehlt vielfach die geeignete Wissensvermittlung. In die gleiche Richtung weist eine Bench-Marking-Studie der schwedischen Wirtschaftsverbände: Jeder 4. Jugendliche in Europa möchte zwar lieber selbständig als angestellt sein. Dennoch würden immer weniger Jugendliche diesem Wunsch Taten folgen lassen. Die Studie "Entrepreneurship Among Young People in Europe" kann über das Internet abgerufen werden (www.eu2001.swedishenterprise.se).
Laut einer Online-Befragung, die Ende 2001 von "Perspektive Deutschland", einer Initiative von McKinsey, stern.de und T-Online durchgeführt wurde, waren nur neun Prozent der Bundesbürger selbständig. Und auch die vielfältigen finanziellen Förderungen änderten daran nichts. Die ersten Signale für ein Abebben der Gründungsbereitschaft kamen aus dem Osten. Es ist nicht erstaunlich, daß kurz nach der Wiedervereinigung ein Gründungsboom in den neuen Ländern begann. Denn 1988 gab es nur noch 181 600 Selbständige in der DDR, was einem Anteil von 2 Prozent der Erwerbstätigen entsprach. Dort sanken die Zahlen für Neugründungen seit 1992. Um 1997 meldeten wieder mehr Existenzgründer ein Unternehmen an, dann glich sich die Entwicklung in Ost und West an: Im Ergebnis geht das Institut für Mittelstandsforschung von maximal 452.000 Gründungen im Jahr 2002 aus. 365.000 fanden in den alten und 87.000 in den neuen Bundesländern statt. Geschlossen wurden hingegen 389.000 Gewerbebetriebe. Es verblieb im Jahr 2002 ein Saldo von 63.000 Betrieben; 58.000 davon im Westen und nur 5.000 im Osten Deutschlands.

Deutschlandkarte mit junger Plfanze

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